Dienstag, 18. November 2008

Wasserspiegel

Klaus erwachte. Schnell sprang er auf. Er lief ins Badezimmer. Die allmorgendliche Hygiene-Routine musste heute gekürzt werden. Er hatte etwas wichtiges vor. Nachdem er sich gewaschen und hastig angezogen hatte lief er in die Küche, schnappte sich einen Apfel und wollte zur Tür hinaus. Stop, hinsetzen, frühstücken“ rief die Mutter. „Mama, bitte...“ flehte Klaus. „Keine Widerrede“ erwiderte die Mutter. Unter gemurmelten Protesten setzte sich Klaus und schlang sein Frühstück hinab. Er schaute seine Mutter an und als diese endlich nickte sprang er auf und lief hinaus. Er lief so schnell er konnte. Er starrte auf das Papierschiff in seiner Hand. Sein Großvater hatte ihm beigebracht wie man sie baute. Er war nun seit 6 Monaten tot. Heute endlich wollte Klaus es wagen das Boot im Brunnen zu Wasser zu lassen. Er lief noch schneller, strauchelte und fiel hin. Hart schlug er mit dem Kinn und den Knien auf dem Boden auf. Er konnte sich nur mit einer Hand abstützen da er in der anderen das Schiff hielt. Er blutete, Tränen flossen, doch er stand auf und lief weiter.

Schon hatte er den Dorfplatz erreicht. Da stand er. Die Sonne ließ den Brunnen majestätisch erstrahlen. Zum ersten mal war Klaus alleine hier. Langsam fast ehrfürchtig ging er auf den Brunnen zu. Er zog sich am Rand hoch und setzte sich. Er hatte es geschafft. Er war hier, endlich. Er schloß die Augen und ließ langsam das Schiff ins Wasser. Als er die Augen öffnete, war ihm, als ob er den Großvater gesehen hätte, der sich im Wasser spiegelte. Er drehte den Kopf: nichts. Er blickte zurück auf das Wasser, das Spiegelbild war verschwunden. Er lächelte, als das Schiff endlich versank.

Keine Kommentare: